Dänemark - Center Parcs
Bei -1 Grad beginnt unsere Reise. Wir, ein fröhliches Dreiergespann bestehend aus meiner Schwester Julia, meiner Nichte Ida und mir, stapfen abwechselnd durch den Neuschnee – von der Haustür in Lüneburg zum Kofferraum des Autos. Wir packen. In der Nacht zuvor bewies Väterchen Frost erneut sein Können. Mit seiner weißen Decke verwies er unmissverständlich auf Andacht und Stille. Ich hingegen empfinde die weiße Pracht eher als Herausforderung – unsere Reiseroute nämlich führt gen Norden nach Als, eine dänische Halbinsel mit dem ersten Center Parcs Skandinaviens.
Zusammen mit der nicht unbedingt Mut einflößenden Wetter-Vorhersage von Niederschlag und Sturm in Schleswig Holstein, sitzen wir Drei alsbald im Caddy – einem bereits in die Jahre gekommenen, extrem windempfindlichen Caddy. Allein diese Tatsache lässt mich auch ohne den angesagten Wetterspaß nervös werden. Als grundsätzlich schlechte Beifahrerin, gepaart mit dem dritten Kaffee, sitze ich also in dem pragmatischen Gegenentwurf zum Mercedes-Komfort – mental darauf eingestellt, dass die Autobahn zur Schlittschuhbahn wird und uns der Wind einfach von der Piste fegt.
Da offenbart mir meine Schwester: „Anni, du musst die ganze Fahrt über wischen – sonst kann ich nichts sehen.“ „Häh?“, erwidere ich. „Die Scheiben beschlagen. Irgend so ein Kompressionsding ist defekt“, erklärt sie. Keine fünf Minuten später verstehe und sehe ich, was Juli meint. Mit Heizung auf Volldampf, Nieselregen bei 0 Grad, Fenster hoch und runter, alle drei Minuten mit dem feuchten Ekellappen über Windschutzscheibe und Seitenfenster wedelnd, heizen wir im Schneckentempo über die A7.
Vier Stunden später, fertig aber froh, vor allem überlebt, erreichen wir unser wunderschönes Haus mit Blick auf die stürmische See. Es ist eiskalt. Eine Mischung aus Regen, Schnee und Hagel peitscht uns ins Gesicht, während wir alle Mühe haben, Mützen und Schals an uns zu fixieren, damit der Wind sie nicht mit sich reißt.
Dankbar treten wir ein in die warme Stube, räumen unseren Mampf-Vorrat in die Schränke der großzügigen und hellen Küche ein.
Danach schnappen wir unsere Badesachen und stratzen Richtung Aqua Mundo – ohne dort anzukommen. Denn Wind, Wetter und Dunkelheit lassen uns scheitern. Der Wind heult, das Kind auch. Die Blätter fliegen und Ida weigert sich strikt auch nur noch einen Fuß vor den anderen zu setzen. Recht hat sie. Ganz ungefährlich ist es nicht. Weder wollen wir einen Ast auf den Kopf bekommen, noch einem Monster begegnen.
Sobald wir wieder in unserem Häuschen sind, machen wir es uns in der Sauna gemütlich und lassen die Arktis draußen. Durch das Fenster haben wir das Meer genau im Blick und können zusehen, wie jenseits der Scheibe die Wellen brechen, während wir im Warmen sitzen. Danach sind wir tiefenentspannt. Wir lachen über die dänische Werbung im Fernsehen und essen Lasagne zum Abendbrot. Hundemüde aber zufrieden fallen wir in unsere super hyggeligen Betten.
Tag 2: Das Aqua Mundo ruft. Der Wecker klingelt um sieben. Um neun Uhr sind wir verabredet, um Fotos und Videos vom Spaßbad zu machen, bevor die anderen Gäste ab zehn ins Wasser stürmen und die Rutschen erklimmen.
Diese Ruhe, wunderbar! Man hört nur das Plätschern des Wassers – und uns, die kreischend die Rutschen in Beschlag nehmen – zu Testzwecken, versteht sich. Wir nehmen den Auftrag sehr ernst und werfen uns mit vollem Einsatz in jede Kurve. Ida kriegt gar nicht genug von der Wildwasserbahn und der Riesenrutsche, die man im Schwimmreifen bezwingt. Es gibt sogar eine Röhre mit freiem Fall. Wer eine spontane Konfrontationstherapie für seine Platz- und Fallangst sucht, findet hier die Lösung – wir hingegen vertagen es lieber auf morgen. Vielleicht.
Nach der actionreichen Planscherei besorgen wir uns ein Golfcar, das wir dank unseres Presseausweises umsonst fahren dürfen. „Wie gut“, denken wir uns. „Statt fünfzehn Minuten durch die eisigen Böen zurück zum Haus zu wandern, kommen wir so viel schneller von A nach B.“ Bei sagenhaften 15 km/h pfeift es allerdings so sibirisch durch das offene Gestell, dass uns glatt Zweifel aufkommen, ob diese zugige Alternative wirklich angenehmer ist als zu Fuß zu gehen. Ungläubig lachen wir gegen den Sturm an, während unsere Gesichter langsam tiefgefroren werden.
“Laden könnt ihr direkt vor der Tür.“ Das nehmen wir wörtlich: Die Schnauze unseres Freiluft-Ferraris parkt so dicht an der Schwelle, dass man beim Öffnen der Haustür quasi schon auf der Motorhaube sitzt. Ein halber Meter weiter und er säße mit am Frühstückstisch.
Trotz der idealen Parkposition hält uns nichts drinnen – wir ziehen noch einmal los zum Bowling. Die Bahnen sind richtig cool: Überall leuchten Neonfarben, die im Regenbogen-Rhythmus wechseln. Ida ist mit vollem Eifer dabei, auch wenn ihre Technik eher an klassisches Kegeln erinnert. Die Finger in die Löcher der Kugel zu stecken, findet sie nämlich gruselig – die Sorge, dass ihre Finger einfach mitgerissen werden, wenn die Kugel über die Bahn donnert, ist zu groß. Nach vier Pumpen hintereinander rutscht die Motivation allerdings rapide in den Keller.
Aber hej, die herzlichen Dänen denken weise und kinderfreundlich mit: Mit einer einfachen Einstellung lassen sich Banden neben den Rinnen hochklappen. Die Kugel wird so förmlich dazu gezwungen, auf der Bahn zu bleiben. Eine Niete ist unmöglich. Plötzlich fliegen die Pins und schwupps hat das Kind wieder gute Laune. Super!
Tag 3: Ausschlafen. Wie schön es ist, noch ganz verschlafen in die varm stue einzutreten, es sich mit einem Kaffee auf dem Sofa gemütlich zu machen und dabei direkt aufs Meer zu blicken. Ich beobachte die Möwen, wie sie gegen den Wind ankämpfen und nicht von der einer Stelle kommen – wie übergroße weiße Kolibris im Zeitlupentempo. Trotz geschlossener Türen höre ich das Tosen der Wellen. Toll!
Zwei Stunden später erscheint meine Schwester mit Ida in der Wohnküche. Julia lächelt. Offensichtlich hat sie genauso gut geschlafen wie ich. Ida hingegen guckt noch recht bedröppelt aus der Wäsche und beschließt wieder zurück ins kuschelige Bettchen zu hüpfen. Meine Schwester springt sofort in ihre Klamotten, weil der Himmel aufbricht und tatsächlich – endlich! – ein Hauch Sonne erscheint. Seit Tagen ist es grau in grau, was ihr das Arbeiten nicht gerade leicht macht. Foto-Bedingungen: Schwierig, denn: Lichtverhältnisse: Nicht vorhanden. Video-Vibe: Dramatisch-düster. Aber es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Einstellung und vergessene Schneeanzüge.
Das Kind liegt mit Kopfhörern im Bett, die Schwester jagt der Sonne nach, ich sitze mit dem zweiten Kaffee weiter auf der Couch, schreibe und freue mich über das Geräusch der brechenden Wellen. Heute steht ein ausgiebiger Strandspaziergang auf dem Programm. Danach geht es zum Rätseln in den Escape-Room und als krönender Abschluss wartet wieder die Badewelt.
… Wir haben den dänischen Outdoor-Rekord gebrochen: zehn Minuten „ausgiebiges“ Wandern, bevor unsere Nasenspitzen kapituliert haben. Im Escape Room stellten wir uns dann der Götterwelt. Thema: Ragnarök. Es beschreibt den großen Untergang der nordischen Welt, eingeleitet durch den ewigen Winter – wie passend.
Das Ganze war eine echte Herausforderung: Die Rätsel waren knifflig und wir mussten ordentlich um die Ecke denken, um nicht gemeinsam mit Odin und Thor unterzugehen. Es hat richtig Spaß gemacht, auch weil uns ein Guide mit guten Tipps aus dem Off immer genau im richtigen Moment den Weg gewiesen hat.
Wir waren so platt nach dem Spiel, dass selbst das Kind lieber nach Hause wollte, als weiter in die Badewelt zu juckeln. So lassen wir den Abend bei Kerzenschein und Tee ausklingen, während wir dem Meeresrauschen lauschen und gemütlich eine Runde wizard spielen.
Tag 4: Endspurt in Dänemark – heute ist unser letzter Tag. Nach dem Frühstück in unserem geliebten Häuschen mit Meerblick, schwingen wir uns als dicke Zwiebeln in unser Golfcar und kurven bis zum Waldrand am Strand. Unser Freiluft-Ferrari gerät bei den heftigen Böen ganz schön ins Ruckeln. Zwei Felsen markieren das Ende des Geländes und den Anfang des Waldes. Ab hier heißt es: Aussteigen! Mützen und Schals festzurren, am besten festtackern! Wir kämpfen uns vorwärts, stemmen uns zwischendurch sogar rückwärts gegen die Wind-Wand und entdecken kurz darauf eine gewaltige, entwurzelte Weide. Sie liegt horizontal im Sand, die Krone wird bereits von der Brandung umspült. Ihr Geäst ist total vereist und glitzert beeindruckend.
Während wir fasziniert vom vereisten Steg und den Naturgewalten durch den Sturm marschieren, kippt bei Ida die Stimmung. Ihre Laune schwankt zwischen eisigem Schweigen und Gejaule. Also treten wir den Rückzug an. Bis auf die Knochen durchgefroren zockeln wir in unserem Gefährt direkt zum Aqua Mundo. Auf dem Weg dorthin statten wir den Tieren auf dem kleinen Bauernhof noch einen Besuch ab. Dort treffen wir neben zwei Eseln, Schafen und Kaninchen auf ganz schnuckelige Ziegen. Diese lassen sich so hingebungsvoll kraulen, als hätten sie den ganzen Tag nur auf uns gewartet.
Tag 5: Abreisetag – nej! Wir wollen hier nicht weg. Ich bin mal wieder als Erste wach, bereite mir einen Kaffee zu und setze mich dankbar, aber auch ein bisschen wehmütig an meinen Laptop. Mein Blick schweift immer wieder nach draußen ins Dunkel.
Dann schiebt sich die Sonne als dünner, knallroter Streifen über das Wasser. Kein Wunder, dass meine Schwester in diesem Moment in der Tür steht. Sie hat die Sonne im Blut. Sobald sie das Licht sieht, gibt es kein Halten mehr: Juli springt in ihre Klamotten, schnappt sich die Kamera und rast nach draußen. Ich jage ihr nach.
Das Farb-Spektakel zieht sich über eine Dreiviertelstunde hin. Jede Minute sieht der Himmel anders aus – ein ständig wechselndes Gemälde – wow!
unbearbeitet
Während Ida drinnen friedlich weiterschlummert, stehen wir draußen am Meer und können uns kaum sattsehen. Wir frieren uns nicht nur den Arsch ab, auch die Finger. Bei jedem einzelnen Foto schreit Juli auf “ooooooh, aaaau!”
Eins ist gewiss:
Wenn die Ostsee zur Nordsee wird und Dänemark zur Arktis, dann biste froh, wenn deine varm stue nur ein Möwenschlag entfernt ist.
Das Gefühl von Hyggeligkeit wird uns fehlen.
Schweren Herzens tauschen wir das Meeresrauschen gegen das Brummen des Motors ein. „Wenn es hier im Winter schon so toll ist, wie schön wird es dann erst im Sommer, wenn alles blüht“, sinniert Juli. Ich sehe ihr an, wie sie in Gedanken schon die Winterjacke gegen ihr Sommerkleid austauscht.
Ein Teil von uns bleibt hier – wir fahren mit der Gewissheit, dass wir nur gehen, um bald barfuß wiederzukommen.
Zwischen böiger Brandung und bombastischem Badespaß